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Warum ich musiziere und was ich dabei über Führen lerne

19.05.2013 – Musik ist mir Ventil für Frust genauso wie Verstärker für Freude. Sie kann mich beruhigen, trösten und fröhlich stimmen. So verrückt es klingt, die Volkstümliche Hitparade macht mich aggressiv. Ich bevorzuge Klassik, Romantik, Impressionismus oder Expressionismus, Jazz, Son oder Salsa, Rock, Soul, Soundtracks von Filmen. Musik ist so vielseitig. Sie ist mal laut, mal leise. Sie atmet. Sie beschleunigt oder entschleunigt. Sie passt sich meinen Wünschen und Sehnsüchten an. Sie gibt. Sie fordert. Mit ihr lerne ich viel über das Führen.

Ich spiele seit über 30 Jahren Geige. Es ist ein Instrument, das meinen Körper, meine sieben Sinne, meinen Verstand und meinen Bauch gleichermaßen fordern wie fördern. Ich singe, für mich und im Vocalensemble. An einem Klavier kann ich nicht vorbeigehen ohne die Sehnsucht zu spüren, gleich in die Tasten zu greifen (wobei ich inzwischen meinen Mitmenschen zuliebe oft darauf verzichte – der Unterricht ist einfach zu lange her).

Mit dem Musizieren habe ich viel über mich selbst gelernt. Zum Beispiel wie wichtig es ist, an der eigenen Qualität zu arbeiten. Techniken zu verfeinern. Immer wieder. Jahrelang. Und dass das nie aufhört, das mit dem Üben. Dass ich mit jedem Stück, mit jedem Tag etwas Neues an mir oder der Musik entdecke. Wie verschiedene Elemente zusammen eine eigene Interpretation ergeben auch wenn Noten vorgaukeln mögen, dass es doch immer dasselbe Werk ist.

Es ist faszinierend, dass wenn mir ein Stück gut gelingt, es neu erschaffen wird. Ein flüchtiger Moment. Genial. Oder wenn es heute einfach nicht so klingt, wie es soll – das nächste Mal jedoch umso schöner sein kann. Dass das Gelingen tagesform-abhängig ist. Ein bisschen wie das Wetter. Dass für den Erfolg, das »dranbleiben« das allerwichtigste ist. Ehrgeiz ja. Erfolgsdruck nein. Manchmal braucht es einfach hunderte Wiederholungen. Dann – ganz plötzlich klappt es. Noch zwei Mal wiederholen und es sitzt, ist reproduzierbar.

Besonders intensiv können diese Momente im Ensemble sein. Höchste Konzentration. Ich höre mich. Ich höre die anderen. Jeder ist wichtig für den Gesamtklang. Es entsteht ein außergewöhnliches Miteinander vor allem bei Kompositionen, in denen die Führung zwischen den Stimmen kontinuierlich wechselt. Ich habe dadurch gelernt, dass es für Führung und einem anderen die Führung zu überlassen, Mut und Vertrauen braucht. Ich brauche Vorstellungskraft vom Klang. Meine Vision vermittle ich mit Bildern und indem ich den anderen etwas musikalisch »anbiete«. Lassen sich die anderen auf das Experiment ein, können wir daran gemeinsam wachsen. Disziplin bei völliger Freiheit. Das hört sich wie ein Widerspruch an. Ist es aber nicht. Ein Beispiel:


Domenico Scarlatti “Stabat Mater a 10 voci” [“Schmerzensmutter” für 10-stimmigen Chor und Continuo (1715)] in einer Interpretation von Concerto Italiano unter der Leitung von Rinaldo Alessandrini, Aufnahme vom 28.08.2011 im Rahmen des Utrecht Festivals.


Vor einem Jahr habe ich dieses wunderbare Stück von Domenico Scarlatti in der Stiftskirche Tübingen gesungen. Es war großartig. Es ist leider nicht unsere Aufnahme. Sie ist besser ;-)

Ich wünsche Euch schöne Pfingsten,


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