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Marke "Eigenbau"

19.02.2013 – Reparieren, was instand zu setzen ist. Neu zusammenfügen, was seinen ursprünglichen Gebrauchswert verloren hat. Handwerk teilen. Wissen weitergeben. Ich freue mich, dass es Reparatur Cafés gibt und Unternehmen entstehen, die diesen Gedanken zum Revival verhelfen. Wir leben in einer Welt des Überflusses. In der Hektik des Alltags ist ein kaputtes Teil schneller nachgekauft als selbst wieder zum Laufen gebracht. Wir belohnen uns mit Neuem und vergessen darüber, wie viel Spaß es macht, das vermeintlich Alte aufzumöbeln. Dabei merken wir nicht, wie wir so weiter ins Hamsterrad gezogen werden.

Johannes tapst die Stufen hinab. Ihn locken der Lichtkegel der Kellertür und die Stimmen dahinter. Das Knarzen der Angel wird komplett übertönt von einem Jubelschrei. Verblüfft steht er in der Tür und löst damit einen Lachanfall bei seiner sechsjährigen Schwester aus. Sie nimmt ihn an die Hand und zeigt ihm voller Stolz den Plattenspieler, den sie mit ihrem Opa aus drei defekten Schallplattenspielern gebastelt hat.

Gemeinsam hatten sie geputzt, auseinandergeschraubt und wieder neu zusammengesetzt, gelötet, verdrahtet, sortiert und ausprobiert. Gerade setzte Rudi die Diamantnadel in den Kopf ein und Franziska brachte über den Geschwindigkeitsknopf den Plattenteller das erste Mal erfolgreich zum Drehen. Nach stundenlangem Tüfteln: Und er bewegt sich doch! Nun wurde sorgfältig die Platte aus der Hülle geholt, entstaubt und sanft der Tonabnehmer aufgesetzt. Das typische Knacken und dann tönt »Hey Jude« in voller Lautstärke aus den Boxen.

Das waren noch Zeiten! Als ich kürzlich den Artikel “Gegen die Wegwerfkultur: Repaircafès” von Rieke Leemhuis via mygreenhood.de las, stürzte diese Erinnerung aus meiner Kindheit mit aller Wucht auf mich ein. Es sind Momente, in denen ich BANGERANG rufe und das Leben einfach genial finde.

Wir leben in einer Welt des Überflusses

Lebensmittel, Kleidung, technische Geräte, jeder mögliche Schnickschnack, der uns den Alltag erleichtern soll, sind in Hülle und Fülle oft zu Spottpreisen erhältlich, ja werden uns förmlich nachgeschmissen. Hinzu kommt unsere permanente Zeitnot. Das verleitet uns natürlich dazu, nachzukaufen, was kaputt gegangen ist. Dinge müssen funktionieren. Alles andere hält uns ja bloß auf… (?).

Manchmal ist konsumieren auch eine Ersatzhandlung für »Das habe ich mir verdient nach diesem stressigen Tag.«. Wir legen uns etwas Neues zu, das schicker, größer, moderner ist, um uns im Grunde über emotionalen Mangel oder Erschöpfung hinweg zu trösten.

Ich bin in meinem Leben bereits 13 Mal umgezogen. Von daher stelle ich mir beim Griff ins Regal und vor dem Klick auf »bestellen« immer erst die Frage, brauche ich das wirklich? Oder geht es mir gerade um etwas anderes? Ich genieße Freiräume in meiner Wohnung und mag Platz. Ich versuche Dinge so lange zu nutzen, bis sie nicht mehr zu gebrauchen sind.

Da mir leider die innere Gelassenheit und inzwischen oft auch das Know-how fehlt, alles selbst zu reparieren, freue ich mich über hilfsbereite Freunde, die mir aus der Patsche helfen. Zudem schätze ich entsprechende Dienstleister in meinem direkten Umfeld. Erst neulich habe ich meine Lieblingsschuhe zum Schuster gebracht. Die 25 Euro für frische Nähte plus neue Sohlen waren es mir wert. Komplett neue Schuhe wären deutlich teurer gewesen. So führte ich einen sehr netten Plausch und sorge mit einem kleinen Beitrag dafür, dass es ihn hoffentlich auch in vielen Jahren nach wie vor gibt.

Reparieren statt wegwerfen

Wer Spaß am Tüfteln und Basteln hat, für die/den sind Repair Cafés vielleicht die noch bessere Alternative. Repair Cafés sind kostenfreie Treffen, bei denen die Teilnehmer Dinge instand setzen. Hier werden Do-it-Yourself-Handwerker besonders geschätzt: Elektroniker, Schneiderinnen, Tischler und Fahrradmechaniker. Am Ort ist Werkzeug und Material für alle möglichen Reparaturen vorhanden. Zum Beispiel für Kleidung, Möbel, elektrische Geräte, Fahrräder, Spielzeug und vieles mehr.

Besucher bringen beschädigte Gegenstände mit. Im Repair Café machen sie sich gemeinsam mit einer Fachfrau respektive einem Fachmann an die Arbeit. Bei Kaffee beziehungsweise Tee wird gefachsimpelt und im Tun eine Menge Wissen aufgeschnappt. Wer selbst nichts zu reparieren hat, hilft jemand anderem. Auf dem Lesetisch liegen verschiedene Bücher zum Thema Reparatur und Heimwerken – immer gut als Inspirationsquelle.

Die Idee stammt von Martine Postma aus den Niederlanden: »Leider ist Reparieren aus der Mode gekommen. Das Wissen, wie man einen Schaden behebt, verschwindet schnell.« Im Repair Café lernen Menschen, Gegenstände neu wahrzunehmen und wertzuschätzen. Es findet ein wertvoller praktischer Wissensaustausch statt. Produkte sind auf diese Weise länger nutzbar. Grundstoff- und Energiemenge, die für die Produktion erforderlich sind, werden gespart. Das gilt auch für die CO2-Emissionen und den Wasserverbrauch.

»Im Mittelpunkt steht jedoch, dass wir mit Repair Cafés zeigen, dass es viel Spaß macht, Dinge wieder zum Laufen oder in Schuss zu bringen. Und dass es relativ einfach ist.« so die Initiatoren der Cafés. «Wir sind auch keine Konkurrenz zu Fachleuten. Im Gegenteil, mit Reparatur Cafés wecken wir das Interesse am Reparieren und beweisen, dass es gute Alternativen zum Wegwerfen gibt.«

In Deutschland gibt es mittlerweile zahlreiche Repair Cafés, zum Beispiel in Aachen, Celle, Düsseldorf, Köln, Mainz, München, Nürnberg und Wiesbaden. Über Twitter und Facebook bleiben Interessenten auf dem Laufenden. repaircafe.de bietet den direkten Kontakt, Termine und aktuelle Berichte der Organisatoren vor Ort.

Auch ein eigenes Repair Café zu eröffnen wird gefördert. Die Stiftung Repair Café unterstützt lokale Gruppen in Europa mit einem umfangreichen Informationspaket, abgestimmter Beratung, Poster- und Flyermaterial sowie der Veröffentlichung über das Netzwerk.

Marke Eigenbau – aus alt mach neu

Mir wird bewusst, in was für einem einzigartigen Umfeld ich aufgewachsen bin. Ich schätze mich sehr glücklich, nicht mit zwei linken Händen erzogen worden zu sein. Für uns war es normal, sich am Abend unter der Woche oder auch samstags im Hof (Sonne), Schuppen (Regen) beziehungsweise Keller (Winter) zu treffen und gemeinsam zu handwerken.

Ich habe schon dicke Bretter gebohrt, ganze Bäume zersägt, Räuchermännchen gedrechselt, Wände tapeziert und gemalert, Wege mit Steinen gepflastert oder aus Beton gegossen, Ziegelwände hochgezogen, Gasbeton-Blumenkübel gehauen, Elektrik verdrahtet, Schaltkreise gelötet, Lampen an allen möglichen und unmöglichen Stellen angebracht, Bilder nicht nur gemalt, sondern auch aufgehängt, Schürzen geschneidert, Pullover gestrickt, Deckchen geklöppelt, unzählige Knöpfe angenäht, Reißverschlüsse und Nähte gesteppt, Löcher gestopft, Ösen genietet und vieles vieles mehr. Nicht zwangsläufig mit durchschlagendem Erfolg. Aber immer mit mächtig Stolz auf das eigene Werk.

Material und Werkzeug beschafften wir uns sehr oft »kreativ«, indem wir »zusammengelegt« oder Objekte »umgewidmet« haben. Vermutlich kommt daher auch meine Wertschätzung gegenüber Gegenständen mit hoher Qualität. Nicht nur, dass sie über eine lange Lebensdauer verfügen – sie sind reparierbar und nach ihrem bestimmungsgemäßen Gebrauch umzufunktionieren. Wir besaßen jahrelang einen perfekt auf unseren Bedarf zugeschnittenen Grill, nachdem unsere Waschmaschine seinerzeit den Geist endgültig aufgegeben hatte.

Das Prinzip des cradle-to-cradle ist nicht neu. Was aus dem Produktionsprozess oder Lebenszyklus eines Produktes übrig bleibt, wird für etwas anderes genutzt. Ich finde jedoch genial, dass aus diesem Ansatz nun eine innovative Kultur des Schöpfens entsteht. Ein Erfolgskonzept, das sich auf immer weitere Branchen ausweitet. Kleine und mittlere Unternehmer stellen aus den Resten der Herstellung von Markisen Bezüge für Möbel, aus alten Feuerwehrschläuchen die neue Affenschaukel für den Spielplatz und aus verschrotteten Autoteilen Fahrräder her. Der Erfindungsgabe sind keine Grenzen gesetzt.

KoKonsum – Wenn‘s nicht mehr passt oder gefällt

Kommen wir noch einmal zurück auf die Frage des Konsums. Nachhaltigkeit bedeutet ja nicht Verzicht oder das Rumlaufen in ollen Klamotten. Ich muss auch nicht alles reparieren, nur weil ich es gekauft habe. Das wäre zu kurz gedacht. Warum sollen wir die Errungenschaften unserer Gesellschaft nicht nutzen?!

Was ich hoffe, ist, dass wir uns zumindest die Mühe machen, Dinge nicht einfach in der Ecke liegen zu lassen oder gar wegzuschmeißen, sondern dem KoKonsum und Recycling zuzuführen. Ich wünsche mir eine Kultur, in der Kinder mit Ihren Freunden, Eltern und Großeltern auch weiterhin an ihren Fahrrädern schrauben und so lernen, sie verkehrssicher halten können.

Ich verbinde damit den Wunsch, dass wir kreativ mit dem umgehen, das uns umgibt und den Dingen ihren eigenen Wert geben.

Eure,


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