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Freiheit mit Null und Eins – Nicht nur Nerds trauern um Aaron Swartz

22.01.2013 – Dicke Brillengläser, schräges Outfit und ein untrügliches Gespür für Mathe. So das Klischee, wenn es um Hacker geht. Dabei lieben sie den Spaß am Knobeln, wenn sie in die sichersten Systeme der Welt eindringen. Ihr Ziel: Systeme, Datenschutz und Technik verbessern und Wissen allgemein zugänglich machen. Ihr Handwerk lernen die wenigsten an der Uni. Viel mehr ist Selbststudium, Tüftelei und eine Mitgliedschaft im Chaos Computer Club erfolgsentscheidend. Aaron Swartz, einer der brillantesten von ihnen, ist nun freiwillig aus dem Leben geschieden. (M)Ein Weckruf für eine sinnvolle Netzpolitik.

© Foto: Fred Benenson über CC

Es ist fünf Uhr morgens. Auf dem Schreibtisch stapeln sich die Pizzaschachteln. Dazwischen finden sich leere Dosen RedBull oder Club-Mate. Auf dem Bildschirm tanzen Nullen und Einsen. Im Hintergrund läuft Nerdcore, ein Subgenere des Hip-Hops. Zurück an den mit Hardware-Teilen übersäten Schreibtisch kommt ein Mann in Hochwasserhosen und weißen Socken, die in Jesuslatschen stecken. Er trägt ein kariertes Hemd, wahlweise auch Bekenner-T-Shirt. Dicke Brillengläser und ein untrügliches Gespür für hochkomplexe Matheformeln. Ganz klar, hier arbeitet ein Hacker – soweit das Klischee.

Wer bei Hackern an geknackte Passwörter, leergeräumte Bankkonten und geklaute Firmengeheimnisse denkt, liegt … daneben. Die „bad boys“ unter den Hackern sind die sogenannten Cracker (nicht das Knabberzeug). Cracker richten mutwillig Schaden an und versuchen Systeme zu zerstören oder in ihrem Ablauf empfindlich zu schädigen. Nach Land, Luft, See und Weltraum gilt inzwischen der Cyberspace als fünfter potenzieller Kriegsschauplatz. Auch Deutsche Politik und Bundeswehr rüsten sich gegen Cyber-War (“Der Feind in meinem Computer” via Zeit online).

Was in Deutschland defensiv organisiert wird, wird in den USA offensiv angegangen. Im Oktober 2012 erlässt Barack Obama ein – mehr oder weniger – geheimes Gesetz, dass es dem Amerikanischen Militär und Sicherheitsdiensten erlaubt, Rechner in fremden Ländern anzugreifen, um die USA zu schützen. (Cyberwar: Obama erlaubt Angriffe auf fremde Netze via Zeit online) Wenn ich diese Beiträge lese, muss ich immer an eine bis an die Zähne bewaffnete Bulldogge denken, die noch dazu ein angriffswütiges Herrchen hat. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass das zu fatalen Folgen führt – ich komme darauf weiter unten zurück.

Die gute Seite der Macht

Im Gegensatz dazu beschäftigt sich ein Hacker mit der Vorgehensweise von Computern, deren Betriebssystemen und Programmen. Hacker wollen wissen. Sie wollen analysieren und verstehen. Daher dringen sie in Computersysteme ein, um Sicherheitslücken aufzuzeigen und auf technische Schwachstellen hinzuweisen. Sie machen einen Screenshot und verschwinden auf leisen Sohlen wie sie gekommen sind. Dann warnen sie die Verantwortlichen, geben ihnen Zeit – und oft auch das Know how – die Lecks zu stopfen.

Oder aber sie entwickeln eigene Lösungen, die unsere Welt fundamental verändern. Die wohl bekanntesten Hacker sind Bill Gates mit Kollege Paul Ellen (Microsoft). Oder Linus Thorwald (Linux), Steve Jobs (Apple), Larry Page und Sergey Brin (Google). Ehrenhalber zählt Konrad Zuse auch dazu.

Erfolgreich und mächtig sind sie. Wer Technik versteht und anders nutzt als die Packungsbeilage nahelegt, kann ganz neue Lösungen entwickeln. Hacker nutzen ihr Wissen und ihren Informationsvorsprung. Man sagt über Hacker, dass sie binnen kürzester Zeit hochkomplexe Probleme lösen für die ein Entwicklerteam gut und gern auch mal ein ganzes Jahr braucht.

Im Alleingang versteht sich, und nur wenn er nicht weiterkommt, nimmt er Kontakt auf zu seinen Kumpels vom Chaos Computer Club, kurz CCC. Der CCC ist seit über dreißig Jahren das organisatorische Zentrum der Hackerszene. Der Verein gilt als eine der international führenden Lobby-Organisationen für digitale Bürgerrechte. Das sehen sogar Amerikaner so.

Der Chaos Computer Club …

Ein Hacker, der den Namen verdient, muss über ausgezeichnete Programmierkenntnisse verfügen. Eines der wichtigsten Labore der Hacker ist die cbase in Berlin. Hier basteln Freifunker an ihrer Software. Das ist neben den vielen anderen über ganz Deutschland verstreuten Clubs auch der ideale Ort, an dem Hacker ihr Handwerk erlernen.

In den Bereichen Mathematik, Physik, Chemie und Informatik sind sie zu Hause. Ihren Rechner sehen sie als zusätzliches Organ an, ohne den sie nicht leben können. Sie folgen ihrem Spieltrieb und ihrer Neugier. Oftmals handelt es sich um Autodidakten, die viel lesen, basteln und quasi in jeder Minute an Aufgaben tüfteln. Studiert haben nicht alle. Viel eher sind geringe Lebenshaltungskosten, viel Platz und sehr viele, sehr fähige Leute an einem Ort entscheidender Faktor.

Daher gilt Berlin mit seiner interessanten Mischung aus Platz, Wissen und Freiheiten als Mekka der Nerds (non emotionally responding dude – was auf deutsch so viel bedeutet wie … Computerfreak). Und dieser Begriff ist in Computerkreisen ein echtes Kompliment.

… mit Mission in Null und Eins

Doch es wäre viel zu kurz gedacht, wenn wir Hacker auf Ihre Programmierkenntnisse und ihre zuweilen bizarren kommunikativen Fähigkeiten reduzieren. Hacker haben eine Mission: Transparenz staatlichen Handelns und entsprechende Infrastrukturen als Voraussetzung für eine demokratische Ausgestaltung (Quelle: Satzung des CCC). Sie fördern und fordern Informationsfreiheit und setzen sich für weltweit ungehinderte Kommunikation als ein Menschenrecht ein. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen kommentieren sie anschaulich die sozialen Auswirkungen technischer Entwicklungen.

Auf ihrem Jahrestreffen vom 27. bis 30. Dezember 2012 verlangten die Netzaktivisten des Chaos Computer Clubs, dass die Hacker-Szene politischer werden soll. Sie trafen sich in Hamburg unter dem Motto „Not my department“ (Nicht mein Fachgebiet) – eine Anspielung auf die Neigung von Technikern, sich nicht um Verantwortung und Konsequenzen ihres Handelns zu kümmern. „Ein Blick ins Programmheft für den Kongress zeigt, dass die Liste der Themen, derer sich die Hacker annehmen, immer länger wird“, schrieb am 28.12.2012 die taz (Quelle: Freiheit für Bits und Bytes von Meike Laaff via taz).

Auf der Agenda des 29C3 standen Themen wie beispielsweise die sogenannte Deep Packet Inspection (eine Technik, um jedes durchs Internet geleitete Datenpaket auf seine Inhalte hin zu überprüfen), die als „Staatstrojaner“ bekannt gewordene Spionagesoftware des BKA (2011 vom CCC aufgedeckt) oder auch die Ethik der DdoS-Attacken. taz: „Mit diesen Programm hatte der Hacktivisten-Schwarm Anonymous in der Vergangenheit immer wieder Server großer Firmen oder Regierungen attackiert und deren Webseiten zum Erliegen gebracht.“

Die Macht der Neuen Medien und Suchmaschinen

Die derzeit größte Herausforderung im Internet liegt jedoch im Spannungsfeld zwischen Schutz geistigen Eigentums durch beispielsweise Urheberrechte und dem freien Zugang zu Wissen für alle. Fundierte Recherche, Meinungsbildung und die Publikation dieses Wissens erfordern Zeit, freien Zugang zu guten Quellen und freie Meinungsäußerung. Alles Dinge, die auch in Deutschland nicht selbstverständlich sind.

Bereits im April 2007 machte Aaron Swartz auf die Macht der neuen Medien aufmerksam. Damit sind weder die großen Funk- noch Fernsehsender gemeint – sondern die großen Giganten unserer Zeit: Internetprovider, Social Media, Suchmaschinen und Online-Medien. Sie steuern, was wir wann und wie an Daten miteinander über das World Wide Web tauschen (können):

San Francisco, April 2007, Quelle: stealthisfilm.com via YouTube

Schutz der Schöpfung unter größtmöglicher Freiheit für die Verbreitung von Wissen

Wie finanzieren wir den immer größer werdenden Wust an Informationen? Wie steuern wir Daten? Wie gestalten wir Urheberrechte, die das Recht am eigenen Bild / Text usw. schützen und gleichzeitig Wissen für alle sinnvoll zugänglich machen? Wer entscheidet, welche Suchergebnisse wir auf Anfragen erhalten? Dies sind Fragen, die nicht nur im Hinblick auf die neuen Datenschutzrichtlinien von Facebook, pinterest oder Google+ von der Netzgemeinschaft mit Argusaugen beobachtet wird. Hier finden Machtkämpfe auf ganz persönlicher und auch auf internationaler Ebene statt. Teilweise mit fatalen Folgen.

Bis heute haben wir kein sinnvolles System etabliert, dass es uns ermöglicht, die Arbeit und den Aufwand derer zu honorieren, die Open Source-Code oder auch Wissen anbieten Wikipedia, Creative Commons und wie sie nicht alle heißen, sind von freiwilligen Spenden abhängig. Jedes Foto, jedes Video, jeden Text den wir teilen und somit bekannt machen, birgt für uns die Gefahr, uns strafbar zu machen.

Ich finde open source wichtig und richtig – aber er sollte den Lebensunterhalt derer ermöglichen, die Ihr Know how frei zugänglich machen. Wir brauchen sinnvolles Copyright, das Piraterie durch seine Einfachheit und Bezahlbarkeit schon von sich aus beschränkt. Wir müssen ein System schaffen, das quasi bedingungsloses Grundeinkommen schafft, damit jeder von uns die Zeit hat, an Ideen weiter zu tüfteln, kreativ zu sein und zu basteln bis die optimale Lösung gefunden ist. Und dafür brauchen wir Zugang zu Know how, zu Ideen und Wissen.

Es geht aber auch darum, dass mächtige Konzerne nicht Wissen fälschen oder „einkassieren“ können, weil sie die finanziellen und technischen Möglichkeiten haben.

Hacker und Whistle-Blower versus Überwachungsstaat

Zeit ist das eine – Freiheit und Unabhängigkeit noch eine zweite, erfolgsentscheidende Komponente für unsere Wissensgesellschaft. Aaron Swartz war 14 Jahre jung, als er am technischen Standard RSS mitschrieb. RSS heißt Really Simple Syndication – wirklich einfaches Zusammenführen. Wir erfahren quasi proaktiv und automatisiert Neuigkeiten aus unseren beliebtesten (abonnierten) Quellen.

Überzeugt, dass Informationen frei sein müssen, arbeitete Aaron Swartz am Creative-Commons-Lizenzmodell mit. Er war Mitbegründer der open library. Swartz „befreite“ Teile der kostenpflichtigen US-Gerichtsdatenbank Pacer und stellte sie ins Netz. Gleiches befand er für Forschungsinhalte: Sie sollten frei zugänglich sein – schließlich werden sie größtenteils von der Gesellschaft finanziert. Swartz lud 2010 angeblich 4,8 Millionen wissenschaftliche Artikel aus der Datenbank JSTOR, um sie zu „befreien“. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) zeigte ihn an: Er habe sich Zugang zum Netzwerk des MIT verschafft.

Swartz flog auf und wurde 14 verschiedener Straftaten angeklagt, obwohl er keinen der Artikel veröffentlicht hatte und obwohl JSTOR bekannt gab, den Fall nicht weiter verfolgen zu wollen. Der Prozess, in dem er nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu 35 Jahren Haft und einer Million Dollar Strafe hätte verurteilt werden sollen, sollte im April beginnen. Am 11. Januar 2013 tritt er freiwillig aus seinem Leben aus und hinterlässt eine trauernde Gemeinde die weit über die der Nerds und Hacker hinausgeht. Damit steht die Frage im Raum, ob ein Mensch, der unter Depressionen litt, in den Tod getrieben wurde. Auf die Frage nach dem Warum sei also noch einmal an meine Aussage von oben erinnert und weiter ergänzt:

„Kaum jemand tippt, keiner unterhält sich. Das will etwas heißen beim Kongress des Chaos Computer Clubs, bei dem mindestens jeder Zweite ein Laptop auf den Knien balanciert. Der große Saal des Hamburger Kongresszentrums ist voll – und er ist still. Auf der Bühne erzählen drei frühere Mitarbeiter der amerikanischen Regierung und des Geheimdienstes NSA, warum sie zu Whistleblowern wurden und damit in den Augen ihrer früheren Dienstherren zu Verrätern.

Sie reden über ihre Angst, dass in den USA und anderen Ländern Überwachungsstaaten errichtet werden, die jeden verdächtigen und die keine Rechte mehr achten. Sie reden darüber, dass sie verfolgt wurden wie Kriminelle, weil sie auf Rechtsbrüche und Gefahren aufmerksam machten und darüber, dass diese unselige Verwandlung von Staaten längst geschieht. […]

Denn die US-Regierung hat ihre Versuche nicht aufgegeben, bisherige Grundsätze des Rechtsstaates zu umgehen und auszuhebeln. Gerade erst hat der US-Senat ein Überwachungsgesetz verlängert. Der Fisa Amendment Act erlaubt es Geheimdiensten, auch US-Bürger ohne Gerichtsbeschluss abzuhören, wenn die Überwacher Hinweise haben, dass sich mindestens einer der an der Kommunikation Beteiligten dabei im Ausland befand.“ schreiben Patrick Beuth und Kai Biermann in ihrem Nachbericht vom 29C3 in der Zeit.

Quelle: Überwachung: Die USA haben ohne Not auf die dunkle Seite gewechselt via Zeit online

Die Frage ist also weniger: Wollen wir das? Da sind wir uns schnell einig. Die eigentliche Frage ist: Was können wir in einer Demokratie für Freiheit, tun?

Hier die ersten Anlaufstellen, wenn Ihr selbst unsicher seid oder auch Unterstützung und Hilfe sucht:

… und genauso lohnt es sich, open source, creative commons und die Fragen nach Netzpolitik (z. B. auch wie viel ist mir ein Artikel in der Onlinezeitung / einem Blog wert) näher zu betrachten.

Es grüßt Euch,


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